Gesellschaftlicher Wandel ist immer auch
technologischer Wandel, der oftmals von der Vorstellung
getrieben wird, durch neue Technik bestehende Unsicherheiten
bewältigen zu können. Technologische Innovationen
bergen jedoch ihrerseits ein hohes Maß an Unsicherheit,
da sie als Risiko und Chance zugleich beschrieben werden
können. Risiken und deren Vermeidung, aber auch umgekehrt
die Sicherung von Zukunftsfähigkeit sind daher zum
Gegenstand von Regulierung. Während sich in den vergangenen
Jahrzehnten das Interesse auf Fragen der Risikoregulierung
konzentrierte, sind neuerdings vermehrt Ansätze zu
einer „Innovationsregulierung“ zu beobachten.
In beiden Fällen geht es darum, die technische Entwicklung
zukunftsoffen zu gestalten.
Technology Assessment, Technology Foresight, Science and
Technology Roadmapping und ähnliche Modelle haben sich
im Umgang mit solchen Unsicherheiten etabliert. Sie alle
werden unter dem Paradigma der Governance diskutiert. Governance
wird u. a. als Antwort auf die charakteristischen Probleme
verstanden, die mit Formen der Steuerung von Technikentwicklung
zusammenhängen, welche im Wesentlichen auf wissenschaftlicher
Prognose basieren. Governance meint ein umfangreiches Set
unterschiedlicher Regulierungsinstrumente, das von unterschiedlichen
Akteuren auf unterschiedlichen Handlungsebenen eingesetzt
wird. Kennzeichnend für Governance sind die vernetzte
Struktur der Akteure, das Fehlen eindeutiger hierarchischer
Beziehungen sowie die Bedeutung kommunikativer und informeller
Elemente. Das Governanceparadigma ist eine Reaktion auf
die Komplexität von Technikregulierung und insofern
mehr als eine bloße Umstellung von Steuerungssemantiken
(Renate Mayntz).
Die Regulierung der Neuen Medien bietet für die Erörterung
dieser Fragen ein hervorragendes Anwendungsfeld. Medien-
und kommunikationstechnische Innovationen (Digitale Plattformen,
Internet, Mobilfunk und neueste Entwicklungen wie etwa Web
2.0) haben nicht nur die Grenzen zwischen Massen- und Individualkommunikation
verändert, sondern es sind auch neue Risiken und Regulierungsbedarfe
entstanden, die auf das Spannungsverhältnis von technischen
und rechtlichen Strategien der Unsicherheitsbewältigung
verweisen.
Der Regulierungsbedarf auf diesem Feld hängt eng mit
der Technik selbst zusammen. In Folge der massenhaften Verbreitung
neuer Medientechnologien, aber auch neuer Formen der ubiquitären
Datenerhebung durch smarte Objekte hat sich verbreitet ein
routinisierter Umgang mit der Technik eingestellt, der zu
einer kaum mehr kontrollierbaren Preisgabe von Daten in
großem Umfange führt. Der konkrete individuelle
Nutzen scheint gegenüber der abstrakten Gefahr vernachlässigt
zu werden.
Zudem wird ein paradoxes Phänomen sichtbar: Während
die Bereitschaft steigt, sich selbst im Netz oder in Talkshows
darzustellen, reagiert man empfindlich auf Versuche, Daten
für staatliche Zwecke, etwa zur Verbrechensbekämpfung,
zu erlangen. Auch hier stellt sich die Frage nach dem angemessenen
Gleichgewicht zwischen Selbst- und Fremdbestimmung sowie
zwischen staatlich garantierter Sicherheit und individueller
Freiheit.
In rechtssoziologischer Hinsicht stehen mindestens zwei
Paradigmen der Unsicherheitsbewältigung zur Diskussion:
Erstens eine Unterwerfung medientechnischer Entwicklungen
unter das strengere Regime des Rundfunkrechts mit weitgehenden,
rechtlich legitimierten Eingriffsmöglichkeiten und
zweitens prozedurale und partizipative Ansätze der
Medien-Governance, die den Subsystemen der Technik und des
Rechts - und damit seinen Akteuren - Gestaltungsspielräume
lässt („Regulierte Selbstregulierung“).
Für die Sektionsveranstaltung ergeben sich daraus
folgende Fragen:
• Welche theoretischen Konzepte stehen für das
Verständnis der technologischen Entwicklung, der mit
ihr einhergehenden Verunsicherungen sowie deren Regulierung
zur Verfügung?
• Wie können zukünftige Innovationen und
deren Risiken angemessen mit Instrumenten der Regulierung
beobachtet und gesteuert werden?
• Wie leistungsfähig ist das Konzept der Governance
in diesem Zusammenhang der Unsicherheitsbewältigung?
• Welche Vor- und Nachteile bietet die Partizipation
von Nutzern und Rezipienten bei der Entwicklung und Verbreitung
neuer Medientechnologien in den neuen Formen des Technology
Assessment?
• Wie reagieren Konsumenten auf neue IuK-Technologien?
Wie ist ihre Perspektive auf das Thema Unsicherheit? Sind
Governance-Instrumente in der Lage, gegebenenfalls Formen
der souveränen und kreativen Aneignung von Medien zu
berücksichtigen?
Abstracts für Beiträge zu diesen Fragen (mit
empirischem und/oder theoretischem Fokus) werden bis zum
11.04.2008 erbeten an die Organisatoren:
Alfons Bora (Rechtssoziologie)
Mail: bora@iwt.uni-bielefeld.de
Johannes Weyer (Wissenschafts- und Technikforschung)
Mail: vorname.name /at/ uni-dortmund.de (bitte "vorname.name"
ersetzen)
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